Trau dich zu trauern

cropped-p11103962.jpg

Da wär ich jetzt so gern. Mein Lieblingsplatz: Slowinski Park Narodowy. Foto: privat.

Es darf alles sein, hab‘ ich gelernt. Und dennoch ist genau das der Part, der mir am allerschwersten fällt: Wie soll man denn auch alles zulassen, wenn andere schon nach 5 Tagen meinen, dass man übertreibt? Dass man seine Trauer zu sehr nach außen kehrt? Wer entscheidet wann und was zu viel, zu lang, zu heftig, zu unverhältnismäßig ist? „Mir hat niemand zu sagen, wie ich trauern soll.“ – las ich gerade in einem tollen Artikel und ja, genau so ist es.

Ich bin doch selbst überrascht. Hab ich doch so so viel über das Trauern gelernt im Rahmen der Ausbildung zur Lebens-, Trauer- und Sterbebegleiterin und auch bei den Begleitungen selbst dann. Und ja, das bringt alles nichts. „Nichts kann einen auf den Verlust eines Menschen vorbereiten.“ – sagte eine gute Freundin gestern zu mir und das war wie Balsam für die Seele.
Denn es ist immer anders, immer indvidiuell – nicht nur abhängig von der trauernden Person, sondern auch von der Beziehung des Trauernden zum Verstorbenen – und nein, hier ist nicht die Dauer der Beziehung/Verbindung gemeint. Auch wenn man Menschen nicht ewig kannte, kann es durchaus vorkommen, dass man sich ihnen sehr nahe und verbunden gefühlt hat und die Trauer dementsprechend groß und stark ist. Aber was ist schon „groß“ und „stark“? Am 5. Tag nach dem Tod des seelenverwandten Freundes am Morgen eine enorme Schwere zu verspüren? Ist das schon „übertrieben“?

Nichts und niemand hat mich darauf vorbereitet, dass ich einen solchen Gefühlscocktail als Repertoir bei diesem Trauerprozess haben werde. Da ist einerseits Dankbarkeit und Sentimentalität  – damit kann ich verhältnismäßig gut umgehen. Das macht mir nichts. Das finde ich sogar schön. Denn diese Gefühle verbinden mich mit diesem Menschen. Aber das ist wieder sowas: Man muss sich verabschieden, sagt man. Muss loslassen. Da gefällt mir doch immer noch oder jetzt ganz besonders – jetzt wo ich selbst Betroffene und Trauernde bin und nicht nur darüber Lesende, mich damit Beschäftigende – das Trauer-Konzept von Roland Kachler, in dem nicht das Loslassen im Zentrum steht, sondern die Liebe zum Verstorbenen. Es geht darum, diese Liebe in veränderter Form weiterleben zu können. Mit allem, was da ist.
Doch in meinem Cocktail – da sind auch Schuldgefühle, da ist ein Schmerz, eine Fassungslosigkeit  – mit diesen Gefühlen kann ich weniger gut umgehen. Das kenne ich so auch aus früheren Trauerprozessen nicht. Warum auch immer. Vielleicht weil es nicht so unerwartet kam. Ja, natürlich, mein Freund war krank, schwer krank. Schon lange. Aber es ging im verhältnismäßig gut. Und das sehr lange. Und plötzlich nicht mehr.  „Den Tod habt ihr erwartet, er kam dann aber doch unerwartet.“ – schrieb mir eine Freundin. Ja, ganz genau. Ich konnte mich nicht verabschieden. Er war sehr jung. Vielleicht liegt es auch daran. Aber warum rechtfertige ich mich überhaupt? Weil ich verstanden werden will. Weil ich es auch selbst verstehen möchte. Warum es diesmal anders ist. Warum es jedes Mal anders ist. Und das ist auch normal.

Trauer ist – in all ihren Facetten – da um gelebt zu werden. Nicht nach Schema A, B oder C. Ganz individuell. So lang, so heftig, so öffentlich wie man das braucht und möchte.

 

Weiterführende Literatur:

In Schleifen

img-20160709-wa0006

Das hast du mir mal geschickt und wir fanden’s beide toll. Für uns gab’s jetzt ein Tschüss ohne Küss und damit muss ich erstmal klarkommen.

  1. Ich bin dankbar. Du hast mir gezeigt, wie mein Idealbild einer Freundschaft aussieht. Wie größtmögliche Nähe zwischen zwei Menschen existieren kann, ohne Liebesbeziehung. Wie es sich anfühlt einen Seelenverwandten als Freund zu haben. Ich lese unsere alten Nachrichten und sie strotzen vor Nähe, vor Dankbarkeit.
    Ich schau mir Bilder von dir und von uns an und ich bin der glücklichste Mensch auf Erden, weil es dich in meinem Leben gab. Weil ich deine Liebe erfahren durfte. Sie nährt mich ungemein.
  2. Ich bin traurig. Ich vermisse dich üblicherweise schon nach wenigen Tagen, habe Sehnsucht nach dir als Menschen, nach deinen Ansichten, deinen Werten, deinen Vorlieben, nach deiner Meinung. Nach deinem Wesen. Und jetzt ist all das nicht nur für ein paar Tage oder Wochen nicht mehr da, sondern für immer. Ich begreif‘ das (noch) nicht.
  3. Ich bin enttäuscht. Ich konnte mich nicht von dir verabschieden. Ich habe nicht gewusst, dass es so schnell so schlecht wurde. Es ging dir so lang so gut seit der Diagnose. Und dann warst du plötzlich sehr müde und sehr schwach. Ich habe die letzte kurze Etappe so gut wie nicht mitbekommen. Konnte dir nicht noch einmal sagen, was du mir bedeutest. Ich hoffe, du weißt es. Das ist eine meiner größten Hoffnungen. Dass du wusstest, was du mir bedeutest.
  4. Ich fühl mich schuldig. Weil ich enttäuscht bin. Weil ich doch weiß, dass ich dir dennoch sehr wichtig und nahe war. Aber auch so gern für dich dagewesen wäre. Und ich fühl mich wie der größte Egoist. Weil das letzte was ich dir schrieb, bevor du weggingst, war, dass ich dir gern näher sein würde. Und dich so gern noch sehen würde.
  5. Ich bin erleichtert, weil es letztendlich schnell ging und du nicht lange leiden musstest. Das ist doch am Besten, für dich?
  6. Ich bin verwirrt, steh‘ neben mir. Bin überfordert. Weil das so vielschichtig ist und weil es so unerwartet kam. Ich schwanke zwischen all diesen Gefühlen im Sekundentakt und weiß nicht wohin mit alldem.
  7. Ich hab Angst, dass die Erinnerungen mit der Zeit verblassen. Wo sind die Einmachgläser? Ich will alles konservieren. Ich will alle meine Erinnerungen in die Welt rausposaunen, damit alle wissen, was wir hatten, wie du warst. Damit es sich festsetzt in der Welt. Damit es bleibt.

Und dann lande ich wieder bei Punkt 1 und es geht alles von vorne los.

Die fünf schönsten Aspekte der Hospizarbeit

Caritas_MobilesHospiz_20150917-018

Mein Patient und ich. Foto: Johannes Hloch.

  • Sinn

(Fast) nichts anderes hat eine dermaßen sinnstiftende Wirkung für mich, wie die Begleitung und Unterstützung von sterbenskranken Menschen und ihren Angehörigen. Das ist die direkteste Form von Hilfe, die ich jemals geleistet habe und auch die für mich direkteste und stärkste Form von Dankbarkeit, die ich jemals erfahren habe (von PatientInnen und Angehörigen). Diese Arbeit ist einfach Sinnstiftung per se!

  • Demaskierung

Im Angesicht des Todes begegnet man Menschen auf eine so pure, offene, ehrliche und intime Art, das ist unglaublich schön und berührend. Die Masken des Alltags werden fallen gelassen, noch unmittelbarer bin ich Menschen nie begegnet. Das trifft direkt ins Herz.

  • Prioritäten

Durch die Auseindersetzung mit dem Tod und mit meiner eigenen Vergänglichkeit habe ich ganz plötzlich meine eigene Werte- und Prioritätenpyramide vor mir. Kein langes drüber Nachgrübeln und keine langwierige Selbstarbeit nötig: Es ist alles ganz klar, wenn man dem Tod in die Augen blickt. Die Fragen: Was will ich? Was ist mir wichtig? Wie möchte ich leben? werden nicht nur ganz automatisch und ganz nebenbei bei der Arbeit im Hospiz überhaupt erst gestellt, sondern auch noch völlig ohne mein Zutun beantwortet. Gänsehaut.

  • Wertschätzung und Zusammenhalt

Nirgends sonst hab ich mich (im beruflichen Kontext) so wohl, geborgen und wertgeschätzt gefühlt wie in meinem Hospiz-Team. Das Ausmaß an Unterstützung, Zusammen- und Rückhalt ist enorm. Man darf mit allem da sein: Wut, Überforderung, massive Sentimentalität – alles hat seinen Platz, für alles bekommt man Verständnis, in allem wird man bestärkt. Das ist mein Schlaraffenland.

  • Lebendigkeit

Kontraintuitiv für viele, unverständlich für manche – und auch für mich war es überraschend; aber ja, seit ich im Hospiz arbeite, mich nicht nur mit meiner eigenen, sondern generell mit der Vergänglichkeit aller Dinge und Menschen um mich herum auseinandersetze, fühle ich mich lebendiger als je zuvor. Ich genieße jede noch so kleine Kleinigkeit, ich erlaube es mir, all meine Gefühle auszukosten und vor allem: Ich liebe noch viel intensiver. Was mir zuvor wichtig war, ist es jetzt noch viel mehr. „Everything breaks“, also hau ich permanent ganz fest auf die Kacke, ha!

Klein, gelb, gestreift – Porträt eines Fremden

Der aus Nord-Amerika eingebrachte Kartoffelkäfer gilt nicht nur als Schädling, sondern diente auch mehrmals in der Geschichte als Propagandamedium

14198132866_753aba4c08_z

Bild: flickr/Udo Schmidt. CC BY-SA 2.0.

Die Kartoffel – ein willkommener Gast

Kartoffeln wurden bereits vor 2000 Jahren von den Inkas in Peru angebaut, stammen also ursprünglich aus Südamerika. Später wurden sie als Kulturpflanze auch nach Nord-Amerika gebracht und letztendlich – vor 450 Jahren – mit Segelschiffen spanischer Eroberer auch nach Europa. Anfangs war die Kartoffel hier jedoch nicht sehr beliebt und wurde an Schweine verfüttert. Erst vor etwa 200 Jahren ist sie in manchen Gegenden Europas zum wichtigsten Nahrungsmittel für die Bevölkerung geworden.

Der Kartoffelkäfer – ein ungebetener Eindringling

Der hübsche Kartoffelkäfer stammt ursprünglich aus Nord-Amerika: 1824 wurde er hier erstmals von Wissenschaftern entdeckt – genauer gesagt in Colorado (USA), in den Tälern des Colorado-Flusses. Deshalb wird er auch Colorado-Käfer genannt.
Seine Leibspeise war die Büffelklette – ein Nachtschattengewächs. Zusammen mit dem zunehmenden Anbau der Kartoffel stellte sich der Käfer um 1850 jedoch vorwiegend auf diese Bodenfrucht – auch ein Nachtschattengewächs – als Hauptnahrungsquelle um. Die damals aufkommenden Monokulturen begünstigten seine explosionsartige Vermehrung.
Und schließlich folgte der Kartoffelkäfer seiner neuen Leibspeise auch über den Ozean – als blinder Passagier erreichte er 1877 Europa und von hier aus fast die ganze Welt. Mit verheerenden Folgen, denn die Schäden und Ernteausfälle, die er dabei verursachte waren enorm.

Hungersnöte in Europa

Die Einschleppung des Kartoffelkäfers führte – gemeinsam  mit der ebenso aus Nord-Amerika eingeschleppten Kartoffelfäule, einer Pilzkrankheit – zu großen Verlusten und Ausfällen bei der Kartoffelernte. So kam es vor etwa 170 Jahren in Irland zu einer großen Hungersnot („Irish potatoe famine“):  Eine Million Menschen starben und zwei Millionen verließen das Land.
Auch in Deutschland brachte der Kartoffelkäfer Teile der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg an den Rand einer Hungersnot.
Heute wird der Kartoffelkäfer durch Pestizide im Zaum gehalten.

5806481920_69e2eed163_z.jpg

Bild: flickr/andriuXphoto. CC BY-SA 2.0.

Der Propaganda-Käfer

Das Gerücht, dass Kartoffelkäfer über feindlichem Territorium abgeworfen wurden um dessen Ernte zu schädigen, wurde mehrfach in die Welt gesetzt: Die Nazis unterstellten diese „biologische Kriegsführung“ den Alliierten, die Engländer den Deutschen und die DDR den Amerikanern. Im Falle der DDR gab es sogar eine Plakat- und Broschüren-Kampagne gegen den „Amikäfer“. Schüler wurden beauftragt auf den Feldern nach den Käfern zu suchen und sie gegebenenfalls mit Hilfe von Marmeladegläsern zu beseitigen. Und auch Berthold Brecht ließ sich für die Sache einspannen: „Die Amiflieger fliegen / silbrig im Himmelszelt / Kartoffelkäfer liegen / in deutschem Feld.“  Die Behauptungen waren jedoch reine Propaganda, man wollte den Amerikanern die Schuld für die Missernte geben.
Am ehesten ist der Vorwurf noch gegenüber den Deutschen berechtigt, denn die Wehrmacht züchtete tatsächlich Käfer und warf sogar probeweise Insekten aus der Luft ab, um zu überprüfen, ob sie den Fall überhaupt überleben würden. Zum geplanten Einsatz in England kam die biologische Waffe jedoch nie.  Auch Frankreich hat Forschung an den Käfern betrieben, auch in diesem Fall haben Freisetzungen nicht stattgefunden.

Von der Biologie des Kartoffelkäfers

Der Kartoffelkäfer ist bis zu 13 Millimeter lang, hat wie jeder Käfer sechs Beine und trägt außerdem zwei dunkle Endglieder – die  Fühlhörner –, mit denen er riechen kann. Das Markanteste an ihm ist seine Musterung: er trägt zehn dunkelbraune bis schwarze Längsstreifen auf den gelben, etwas glänzenden Flügeldecken. Dadurch ist er nicht nur unverwechselbar, sondern auch in Sicherheit, denn die auffällige Färbung dient als Abwehrschild für Fressfeinde.
Die Kartoffelkäfer leben hauptsächlich auf den Blättern der Kartoffelpflanze, von denen sie sich ernähren, die Knollen rühren sie hingegen nicht an. Den Winter über verkriechen sich die Käfer in die Erde um dort zu überwintern. Im Frühjahr kommen sie aus ihren Verstecken heraus und paaren sich auf den Kartoffelpflanzen. Pro Sommer werden je Weibchen 700 bis 1200 rot-gelbe Eier gelegt und diese in kleinen Paketen an die Blattunterseiten  geklebt. Bereits nach fünf bis zwölf Tagen schlüpfen die Larven. Nach einigen Häutungen und Farbwechseln und weiteren 17 bis 20 Tagen haben die Larven so viel gefressen, dass sie ausgewachsen sind. Sie krabbeln zurück in die Erde um sich dort für zwei Wochen zu verpuppen. Dann schlüpfen die Käfer, die aber noch bis zu einer Woche im Boden bleiben. Sobald sie an der Oberfläche auftauchen, sind sie tagaktiv und abermals unermüdlich gefräßig, bis sie nach weiteren zwei Wochen zur Fortpflanzung bereit sind.
Der gesamte Entwicklungszyklus – von der Eiablage bis zum „fertigen Käfer“ dauert also gerade einmal sechs bis sieben Wochen. Das bedeutet bis zu drei Generationen von Kartoffelkäfern in einem Sommer – ein  enormes Vermehrungspotenzial!  Genau deshalb wird der Schädling von den Bauern so gefürchtet. Aber auch, weil er ein ausgezeichneter Flieger ist.

 

FAQ Aliens

Was sind Aliens?
Als Aliens – oder gebietsfremde  Arten – werden Tier- und Pflanzenarten bezeichnet, die vom Menschen in Gebiete gebracht werden, an denen sie natürlicherweise nicht vorkommen.
Aliens können bewusst und absichtlich als Waren, Güter oder Rohstoffe in Gebiete eingebracht werden, beispielsweise die Kartoffel als Kulturpflanze, oder der Marienkäfer zur Schädlingsbekämpfung. Gebietsfremde Arten können aber auch – vor allem in Zeiten der Globalisierung – unabsichtlich eingeführt werden, etwa als blinde Passagiere auf Schiffen und Zügen.

Welche Auswirkungen haben Aliens auf Mensch und Umwelt?
Generell gilt die Faustregel:  10 % aller eingebrachten Arten können sich etablieren und lediglich 1% aller eingebrachten Arten führt zu Problemen: Indem sie die Artenvielfalt bedrohen, weil sie einheimische Arten verdrängen oder auffressen; indem sie Parasiten und Krankheiten übertragen  oder Allergien auslösen; oder indem sie hohe wirtschaftliche Schäden in der Land- und Forstwirtschaft verursachen.

Wie wirkt sich der Klimawandel auf gebietsfremde Arten aus?
Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass der Klimawandel die Ausbreitung von Aliens beschleunigen kann, weil sie sehr flexibel sind und sich rasch an geänderte Bedingungen anpassen können –  eine wesentliche Voraussetzung ihres Erfolgs als Aliens.